Selbstfindung

Schattenarbeit: Diese Wesenszüge unterdrückst du, ohne es zu merken

Wir alle kennen vermutlich einen Menschen, der eigentlich nett und sanftmütig ist. Doch plötzlich, wie aus dem Nichts, ändert sich seine Stimmung und er oder sie faucht los. Solche plötzlichen Gefühlsausbrüche können mit den inneren Schattenanteilen zusammenhängen.

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Sich mit den inneren Schatten auseinanderzusetzen bringt mehr Freiheit und Klarheit. Foto: iStock/momcilog

Unter Schatten verstehen wir jene dunklen Flecken, die entstehen, wenn die Sonne auf einen Gegenstand fällt. Das Prinzip gibt es auch in der Psychologie. Es ist nicht nur spannend, sondern kann für jeden einzelnen von uns inspirierend sein. Denn wer sich durch Schattenarbeit mit seinen unterdrückten inneren Anteilen auseinandersetzt, hat die Chance, sein ganzes Potential zu entdecken.

Was bedeutet Schattenarbeit?

Die Schattenarbeit wurde vor allem vom Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (1875 bis 1961) geprägt. Inzwischen haben es viele seiner Berufkolleg:innen und Autor:innen aufgegriffen und weiterentwickelt. Sehr bekannt sind die Bücher "Schattenarbeit" der US-Amerikanerin Debbie Ford, "Das Schattenprinzip" von Rüdiger Dahlke oder "Das Kind in dir muss Heimat finden" von Stefanie Stahl.

Vereinfacht gesagt sind Schatten Anteile in der eigenen Persönlichkeit, die unterdrückt werden. Im Prinzip hat der Mensch also einen Charakter, der authentisch zu uns passt. Doch er lebt diesen nicht frei aus, sondern versteckt einige Eigenschaften und handelt damit gegen seine Natur. Dies geschieht meistens nicht bewusst. Die Person packt die Anteile wie in einen inneren Sack und schnürt ihn zu. Sie werden zu Schatten.

Diese Schatten, also die unterdrückten Anteile der Persönlichkeit, müssen nicht zwangsläufig negativ sein. Wir können auch positive Eigenschaften wegschließen. Die Schatten zu erkennen und aufzulösen, nennt man Schattenarbeit.

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Unterdrückte Gefühle: Wie entstehen unsere inneren Schatten?

Der Anfang liegt bei den meisten Menschen in der Kindheit. In den ersten Jahren sind unsere Eltern - oder Erziehungsberechtigten - das Zentrum unseres Lebens. Ihr Verhalten ist für uns wie ein Gesetz. Beurteilen sie beispielsweise unser Verhalten negativ, beginnen wir es zu verändern und passen uns an. Das ist der Beginn der Schatten. Beispiele können sein:

  • Positiver Schatten wird unterdrückt Marie ist ein Mädchen, das kreativ ist. Sie denkt sich Geschichten mit vielen Details aus. Dabei kann sie tief in die Welt der Fantasie versinken. Ihr Vater stört sich allerdings daran. Er möchte, dass sie auf dem Boden der Realität bleibt und kritisiert Marie, wenn sie erzählt. Marie verinnerlicht, dass Fantasie etwas Schlechtes ist und unterdrückt diese Gabe. Sie beginnt nach der Schulezeit eine Ausbildung zur Pharmazeutisch Technischen Assistentin, obwohl ihr Taltent im kreativen Bereich liegt. Eine Lehre als Buchhändlerin hätte beispielsweise besser zu ihr gepasst. Sie selbst hat ihre Gabe jedoch längst vergessen und wundert sich, warum sie unzufrieden im Beruf ist.

  • Negativer Schatten wird unterdrückt Thomas wächst bei Eltern auf, die nicht vollkommen zufrieden mit ihrem Leben sind. Beide hätten gern länger ihre Freiheit ausgekostet und erst später ein Kind bekommen. Das ist nicht die Schuld von Thomas, doch er bezieht die Unzufriedenheit auf sich und fühlt sich oft von ihnen kritisiert. Er scheint so, als könnte er es ihnen nicht recht machen. Er verinnerlicht die Annahme "Ich bin nicht gewollt" oder "Ich bin nicht gut genug". Später im Leben hat er häufig Probleme in Beziehungen und im Job, weil er sich unsicher fühlt. Er hat Angst, zu sich zu stehen.

Für welche Menschen ist Schattenarbeit sinnvoll?

Jeder von uns hat Schattenanteile, einige sind größer und andere kleiner. Kein Mensch lebt seine Persönlichkeit frei aus. Ist es also notwendig, die Schattenanteile zu erkennen? Können wir nicht einfach mit ihnen leben? Die Antwort darauf lautet: Ja, das ist möglich. Aber die unterdrückten Anteile der Psyche sind immer da, sie verschwinden nicht.

  • Natürlich kommen viele von uns mit ihren kleinen oder großen Macken zurecht. Doch gerade unsere Schatten haben eine Energie, die uns herausfordern will. Denn unsere Aufgabe im Leben ist Wachstum. Das "Ich" will sich entfalten. Deshalb landen wir vermutlich häufig in Situation, die uns etwas abverlangen. Wenn wir den Mut haben und durch die Schattenarbeit auf unsere dunklen Anteile blicken, haben wir die Chance, unser Potential zu entdecken. Vielleicht schlagen wir sogar einen neuen Weg ein, der besser zu uns passt.

Befreie deine inneren Schatten in drei Schritten

Hier erfährst du, wie du deinen inneren Schatten empathisch begegnen und das schlummernde Potenzial, das in diesen unterdrückten Gefühlen liegt ganz für dich nutzen kannst.

Schritt 1: Schattenarbeit beginnt mit dem Erkennen

Unsere Schatten können wir nur auflösen, wenn wir sie kennen. Das klingt so einfach und kann doch so schwer sein. Denn unsere inneren Überzeugungen sind im Unterbewusstsein verankert. Wir unterdrücken die Anteile also nicht bewusst - und vermutlich auch nicht gewollt. Doch wie verstehen wir die Muster, die in uns liegen? Diese Übungen können bei der Analyse helfen:

  • Aufschreiben Lege dir Zettel und Stift bereit. Versetz dich nun zurück in deine Kindheit. Welche Kommentare deiner Eltern haben dich verletzt? Was ist dir in Erinnerung geblieben? Wann hast du dich ausgebremst gefühlt? Versuche das Gefühl zu spüren. Denk aber nicht zu lang nach, sondern fang an zu schreiben. Setz dabei den Stift nicht ab, sondern fülle die Blätter ganz intuitiv. Wie du formulierst, ist völlig egal. Auch Rechtschreibfehler sind nicht wichtig. Entscheidend ist, dass du im Fluss bleibst. Nimm dir mindestens eine Viertelstunde Zeit, noch besser sind 30 Minuten. Mach danach eine Pause und lege die Blätter zur Seite. Wenn du sie nach ein paar Tage wieder in die Hand nimmst, erkennst du vielleicht dein Schatten-Prinzip.

  • Malen Eine Alternative zum Schreiben ist das unbewusste Malen. Denk dabei nicht darüber nach, was du zeichnen möchtest. Es kommt weder auf Schönheit, noch auf Perfektion an. Lass deine Hände sprechen und schalte die Erwartungen aus. Nimm dir bewusst viel Zeit dafür. Vermutlich dauert es eine Weile, bis der Verstand wirklich loslassen kann.

  • Freunde fragen Manchmal braucht es eine Sicht von Außen. Frag deshalb deine Freund:innen und bitte sie, ehrlich zu sein. Was fällt ihnen an dir auf? Welche Situationen bringen dich aus dem Takt? Gibt es etwas, was du nicht erkennst, dich aber vermutlich glücklicher machen würde? Welche Talente sehen sie in dir, die du nicht wahrnimmst? Welche Verhaltensweisen finden sie unangenehm? Diese Methode klappt nur, wenn du bereit bist, die Antworten zu akzeptieren. Signalsieren deshalb deinen Freund:innen, das du alles schätzt. Nimm dir außerdem vor, nur zuzuhören. Nun ist nicht die Zeit, um sie zu unterbrechen oder dich zu verteidigen. Sieh es als Geschenk, das dir deine Freund:innen machen. Mach diese Übung auch nicht mit deinem Partner oder deiner Partnerin. Zwar wird dich diese Person noch besser kennen, aber in Beziehungen sind wir verletzlicher. Bei Freund:innen kannst du die Wahrheit vermutlich besser akzeptieren.

  • Projektion entdecken Unser Umfeld ist ein wunderbarer Spiegel für unsere eigene Persönlichkeit. Das, was wir selbst sind, sehen wir häufig in anderen. Ein Beispiel: Jemand hat Gefühl, dass er ständig an dominanten Menschen gerät, die ihm vorschreiben wollen, was er oder sie zu tun hat. Das passiert, weil die Person selbst diese Anteile in sich trägt. Doch diese nimmt er nicht wahr. Stattdessen projeziert er sie auf die andere Person und kritisiert sie dafür. Auf der anderen Seite können wir einen Menschen auf einen Thron setzen und alles an ihm beneidenswert finden. Dann besitzt dieser Mensch Charaktereigenschaften, die wir selbst gern hätten. Kannst du dieses Prinzip für dich nutzen und erforschen, was du häufig an anderen kritisierst? Wen beneidest du? An welchen Typ Mensch gerätst du öfter? Was sagt das möglicherweise über dich aus?

  • Muster erkennen Welche Herausforderungen wiederholen sich in deinem Leben? Die Zeiten der Krisen sind zwar schwierig, aber sie bringen uns gleichzeitig weiter. Überlege dir deshalb, was du bereits geschafft hast. Beruhen diese Schwierigkeiten eventuell auf Schatten, also auf unterdrückten Seiten in dir?

  • Beratung Der Blick ins Unterbewusstsein ist allein eine große Herausforderung. Deshalb ist es leichter, wenn du dir Hilfe von Expert:innen holst, mit denen du deinen unterdrückten Seiten erarbeiten kannst. Auf Aurea findest du viele Berater:innen, die auf Schattenarbeit spezialisiert sind. Schau gern in den Profiltexten nach und lies dich in die Bewertung der anderen User:innen ein.

Schritt 2: Schatten akzeptieren

Dein Schatten ist dein geringes Selbstwertgefühl? Oder deine Schwierigkeit, Emotionen zu zeigen? Erkenntnisse wie diese können schmerzen. Wir möchten uns nicht unzulänglich fühlen. Doch Schattenarbeit setzt voraus, dass du dich so siehst, wie du bist. Dadurch lösen sie sich auf und der Reichtum dahinter wird sichtbar. Denk daran, dass du diese Schatten nicht in dir trägst, weil du versagt hast. Du hast sie dir angeeignet, weil sie dir zu einem Zeitpunkt im Leben geholfen haben. Als Kind hast du dich angepasst. Das ist aber als ewachsener Mensch nicht mehr notwendig. Sei daher liebevoll mit dir und schau gütig auf dein jüngeres Ich. Nimm dich innerlich selbst in den Arm.

Schritt 3: Die Schatten auflösen

Wenn du nun deine Schatten erkannst hast und sie akzeptierst, hast du bereits eine Menge erreicht. Nun kannst du jeden Tag versuchen, ein Stück aus deiner vertrauten Komfortzone zu treten. Affirmationen können dir helfen, deine negativen Glaubenssätze in positive zu verwandeln.

Nimm dir für diesen Prozess viel Zeit. Deine Schatten begleiten dich vermutlich seit deiner Kindheit, deshalb verlassen sie dich nicht innerhalb weniger Wochen. Aber auf dem Weg dahin liegen aber eine Menge kleiner Erfolge. Sei dir bewusst, dass du mit deinen positiven und negativen Eigenschaften ein wertvoller Mensch bist.

Wenn du magst, kann du dir auch die Unterstützung der Berater:innen auf Aurea holen. Sie geben dir Tipps, wie du deine unterdrückten Anteile wieder in dein Leben integrierst. Du erreichst die Expert:innen einfach online per Chat oder direkt am Telefon.